Logo gegenwARTen
home + künstler + veranstalter + impressum + links

11. Januar 2014

Morton feldman - three voices for voice and tape

Solo-Vokal-Performance

Manuela Klöckner-Marseglia

Geschlossene Veranstaltung - nur für geladene Gäste

Marseglia-Kloeckner singt Morton Feldman

Dieses Konzert wird noch ein weiteres Mal aufgeführt: am 27.7.2014.

Infos zur Veranstaltung am 27.7. - HIER KLICKEN

 

Morton Feldman

Ein Musikerlebnis

 

Unvermutet.

Ich begegnete Morton Feldman völlig unvermutet. Typisch für mich: ich hatte den Termin vergessen, war, ebenso typisch, in totaler Unkenntnis des Komponisten, des Jahrhunderts, der Stilrichtung oder musikalischen Gattung, und ich wusste nicht, wo die Garderobe sich befand. Nachdem mich gebildetere Freunde sanft bei der Hand genommen und zum Konzertraum geführt hatten, saß ich nun da. Da: das war ein kleiner, barocker Saal mit einer gewaltig hohen Decke und ziemlich guter Akustik, einem überraschend großen Publikum und der Dämmerung, die sich horchend vor den Fenstern staute – gut, sie horchte vielleicht nicht, aber ich wurde langsam neugierig. Würde ich schnarchen?

Für jemanden, der pro Jahrhundert etwa zweimal ins Konzert geht, war immerhin eine Besonderheit auffällig: das Orchester hatte sich in Elektronik verwandelt und in Gestalt von Mischpult, Computer und Tontechniker schräg vor mir Platz genommen. Lichter und kleine Digitalfenster glühten. Der Gähnreflex, der aus meinem inneren Banausentum hochgeklettert kam, stieg wieder ab – noch war ich zu interessiert.

Als es beginnt, tritt eine kleine, schwarzgekleidete Frau auf und beginnt zu sprechen. Vor allem weist sie darauf hin, dass WORTE im Gesang sein werden – wenige, kaum eine Handvoll; dass die Anwesenheit dieser Worte aber nicht das Entscheidende ist. Sie spricht von Stimmung und von Spannung, die zwischen der Musik und den Worten besteht, und dass es um die Atmosphäre geht, die die Musik erzeugen will.

Dann beginnt sie zu singen.

Wortlos. Es ist ganz unglaublich, wie beeindruckend es ist, wortlosen Gesang zu hören, wenn man nicht darauf vorbereitet ist. Als würde jemand mit mir sprechen, der keine Worte benutzt, oder als ob la gunali mingaha numuni, kalum o dschemehsen.

Erstaunlich.

Dass die Stimmen aus den Lautsprechern einsetzen, realisiere ich einen Moment zu spät – so angenehm ist der Gesang, und so passend. Seltsame Doppelstimme – halt, eine Tripelstimme. Der Gesang überlagert sich dreifach selbst, die Stimmen vom Band (das Stück heißt ja „Drei Stimmen für Sopran und Tonband) treten mal nach vorn, mal zurück, und ich kann mich nicht entscheiden, ob die menschliche, leibhaftige Stimme immer die Hauptstimme ist; oder nur manchmal.

Denn der Sinneseindruck der drei mit sich harmonierenden Stimmen ist etwas ausgesprochen Ungewöhnliches. Ich kann's nur vergleichen mit dem Fortepedal am Klavier, das Töne nachklingen lässt – die Sängerin, die vor mir steht, wirkt eigenartig multipliziert. Als wäre sie die Essenz aus drei Sängerinnen, ein Sopran³ oder ein hoch konzentrierter Drilling. Tatsächlich ist mein erstes Wundern ein optisches: man erkennt, dass da derselbe Mensch singt und selbdritt klingt. Seltene Sache.

Viel zu spät beginne ich, über die Musik nachzudenken und höre nicht nur, sondern höre zu. Ohne über die Harmonielehre Bescheid zu wissen, spüre ich nicht nur die versprochene Spannung, sondern auch ein wunderbares Zusammenpassen der Töne. Manchmal meine ich, Dissonanzen zu hören, die sich aber immer auflösen. Die dreifachen Stimmlinien fließen ineinander und auseinander, gelegentlich wird eine so leise, dass sie kaum zu hören ist, verstummt – und ich verpasse natürlich den Moment, in dem sie wieder einsetzt.

Mit der Musik schreitet die Dämmerung voran. Vorm Fenster ist Verkehrslärm zu hören, und mein Banausengehör ist so aufnahmebereit und flexibel geworden, dass ein Eindruck entsteht wie von Vordergrund und Hintergrund – und ich sogar überlege, wie mir der Gesamteindruck dieses Außen-und-Innen gefällt. Und schon wieder weg. Der Verkehrslärm verstummt, und die merkwürdige Solotriplizität zieht mich wieder in ihren Bann.

Als die Worte auftauchen – oder durchschimmern, sie werden von gesungenen Vokalen umspült – ist auch das ein besonderer Reiz. Fast eine halbe Stunde hatte ich in den Tönen nach Worten gesucht, nun waren sie plötzlich da. Das Erlebnis ist wie in einem dieser Experimentalfilme, die in Schwarzweiß beginnen und dann plötzlich zu Farbe wechseln, oder wie in einem Gemälde aus Grautönen, das einen einzigen Farbtupfer enthält: plötzlich springt ein neuer Sinn an, der sein Objekt umso klarer zeigt, als es vom nicht Wahrnehmbaren umrahmt ist. So habe ich Worte noch nicht gehört. Und sie sinken wieder zurück in wortlosen Gesang.

Einen Spannungsbogen, wie ich ihn von Symphonien kenne, finde ich nicht, auch keine Einteilung in Sätze. Der Takt lässt sich nicht zählen, oder vielleicht kann nur ich ihn nicht spüren. Eine Steigerung ist da – oder ist es meine langsam wachsende Begeisterung? Tatsache ist, ich fühle genau diese langsam zunehmende Verstärkung, die mir beim „Bolero“ immer versprochen wurde.

Wenn etwas einem gefällt, das man weder kennt noch versteht, entsteht ein Gefühl von Vertrautheit und Neuheit zusammen: etwas wird angesprochen (in mir), von dem ich nicht wusste, dass es da ist. Wie eine bislang unbekannte Fähigkeit oder eine erstaunlicherweise doch nicht vergessene Erinnerung.


Seltsam auch, wie konzentriert ich bin – ich, der ich in vielen Konzerten innerlich aussteige und über ganz andere Dinge nachdenke. Vielleicht ist auch das totale Fehlen von Instrumentalisierung dafür verantwortlich, dass meine Aufmerksamkeit nicht entkommen kann – es ist, als ob man auf der Straße ein einsam wanderndes Ohr treffen würde, das man nie bemerkt hätte, wenn es brav am Kopf eines Menschen säße. Aber es gibt keinen Kopf oder Mensch. Alles ist Ohr, und so ist man zur Wahrnehmung gezwungen.


Die Sängerin – Manuela Marseglia-Klöckner – trägt die Töne oder Klänge mit wunderbarer Präzision vor, man kann kaum glauben, dass sie so genau mit den gespeicherten Stimmen zusammensingt. Synchron-Singen: im Chor verschleift sich vieles, aber hier steht eine menschliche Stimme auf dem Präsentierteller, der von absolut unbestechlichen Lautsprecherboxen gehalten wird. Ein Staksen, Gieksen oder Leiserwerden ist unmöglich. Auch unmöglich, den Kopf einzuziehen und sich hinter den Sängern der ersten Reihe zu verstecken. Dies ist ein Monochor. Ich kann nur staunen und schätzen, wie lange es gedauert hat, das Stück in dieser Genauigkeit aufzuzeichnen und einzuüben. Etwa ein Jahr, wird mir hinterher gesagt.

Diesem Jahr dann 70 Minuten lang zuzuhören, ist ein eindringliches Kunsterlebnis. Seltsamerweise spüre ich, ohne nach der Uhr zu sehen, als es dem Ende zu geht und bin dann überrascht davon, dass das Gefühl richtig lag. Noch seltsamer ist, dass ich bedaure, dass ein Konzert vorbei ist. Benommen sitze ich noch einen Moment und sehe zur Barockdecke hoch, die strahlend und jubelnd – ausgerechnet die Dreieinigkeit zeigt.

Als ob ein Brennglas in der fünften Dimension einen gleißendhellen Lichtpunkt konzentrierten Kunsterlebens gebündelt hätte.

Leicht erschlagen gehe ich ins Dunkel nach draußen – sind Sie auch Banause? Dann kann ich Ihnen Morton Feldman nur empfehlen...

 

(Timmo Strohm)

home + künstler + veranstalter + impressum + links